Simone de Beauvoir – Die Mandarins von Paris
Nachdem ich bereits mehrere Bücher des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre gelesen habe, war nun der Roman “Die Mandarins von Paris“ von seiner langjährigen Lebensgefährtin Simone de Beauvoir an der Reihe. Darin geht es um die links orientierten Intellektuellen Frankreichs und ihre Schwierigkeiten, sich nach dem Zweiten Weltkrieg angesichts einer völlig neuen politischen Situation zurechtzufinden. Das Werk gilt als Schlüsselroman dieser Szene und wurde 1954 mit dem bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet.
Im Zentrum der Handlung stehen der Philosoph Robert Dubreuilh, die Psychiaterin Anne, der Journalist Henri Perron, und einige weitere wichtige, aber untergeordnete Figuren. Die etwas unnahbar wirkende Anne ist mit dem beeindruckenden Robert verheiratet, dessen intellektuellen Fähigkeiten und Interessen hauptsächlich ihren gemeinsamen Alltag bestimmen. Obgleich das Paar sich auf körperlicher Ebene auseinandergelebt hat, besteht eine starke geistige und emotionale Bindung zwischen ihnen. Anne möchte vor allem glücklich sein, ihre Anliegen sind persönlicher und weniger politischer Natur. Ihr Mann Robert plant währenddessen den Aufbau einer neuen poltischen Bewegung und will sein literarisches Schaffen eine Zeitlang auf Eis legen. Der dritte im Bunde, Henri, will unbedingt in jeder Beziehung zu neuen Ufern aufbrechen. Da er seine schöne Lebensgefährtin Paule nicht mehr liebt, organisiert er für sich allein einen Aufenthalt im portugiesischen Ausland, von dem er sich die Lösung verschiedenster privater und beruflicher Probleme verspricht. Während des Krieges hat die gemeinsame Arbeit in der Résistance sowie die beständige Kollaboration gegen die Nazis die Links-Intellektuellen von Paris zusammengehalten. Nun zerfällt die Linke und dem französischen Kommunismus steht der Untergang bevor. Es gibt es kein verbindendes Ziel mehr und jeder muss für sich selbst herausfinden, wo in Zukunft sein Platz in der Welt ist und welche Ziele er dauerhaft anstrebt.
Das Geschehen wird abwechselnd aus der Perspektive von Anne (Ich-Erzähler) und Henri (Personaler Erzähler) geschildert. Dadurch bekommt vor allem Annes Geschichte eine sehr intime Note. Die Hauptperson ist jedoch Robert, der eindeutig Jean-Paul Sartre verkörpern soll. Die Figur der Anne steht für Simone de Beauvoir selbst und Henri Perron ist Sartres berühmter Freund und Kollege Albert Camus. Auch für die anderen Personen gibt es reale Vorbilder. Zwar sind diese für die Romanhandlung leicht abgewandelt worden, aber dennoch sind die Ähnlichkeiten klar erkennbar. Vor allem, was ihre weltanschaulichen Haltungen anbelangt. Sehr amüsant fand ich die Tatsache, dass Anne im Roman ihren Mann siezt, so wie de Beauvoir es auch mit Sartre gehalten hat. Im Roman lernt Anne eines Tages den Amerikaner Lewis Brogan kennen, der wie ihr Mann Schriftsteller ist. Im wirklichen Leben hieß dieser Nelson Algren und hatte eine ungefähr drei Jahre andauernde Affäre mit Simone de Beauvoir, die ihm überdies den Roman widmete. Algren jedoch war so verärgert über ihre Indiskretionen im Buch, in dem sie Details ihrer gemeinsamen Beziehung zum Besten gibt, dass er den Kontakt zu ihr vollständig abbrach.
Am Anfang hatte ich Probleme, in den Roman hineinzukommen, da ich mich mit sehr vielen Personen und politischen Strömungen konfrontiert sah, die ich erst einmal ordnen musste. Nach diesen leichten Startschwierigkeiten auf den ersten vierzig Seiten war das Lesen dann aber kein Problem mehr. De Beauvoirs Stil ist anspruchsvoll, aber nicht kompliziert, und es macht Spaß, ihre Figuren auf der Suche nach Glück und Erfüllung zu begleiten. Erotische Abenteuer, gefühlvolle und tiefgründige Liebesgeschichten, längere philosophische Monologe und mit scharfer Klinge geführte politische Debatten begleiten die Romanhandlung. Was vielleicht etwas langweilig und trocken klingt, wird intelligent, unterhaltsam und sehr informativ dargeboten. Die Handlung beschränkt sich zudem nicht nur auf Paris, sondern es finden auch kurze Abstecher nach Portugal und in die USA statt. Das sorgt noch einmal für angenehme Abwechslung. Der Leser erhält etliche interessante Einblicke ins kulturelle und politische Leben der intellektuellen Elite im Paris der Nachkriegszeit. Ein Grundwissen bezüglich der geschichtlichen Hintergründe sollte zum besseren Verständnis jedoch vorhanden sein. Meinen Blick auf dieses die Philosophie und die Literatur prägende Kapitel der Zeitgeschichte hat es auf alle Fälle geschärft und mir den Existenzialismus und seine Ideen nähergebracht. Wer an diesen Themen Interesse hat, dem wird “Die Mandarins von Paris“ garantiert gefallen!
Hier eine Rezension auf Hausbucherei.de von Das Alter-
Geschrieben von: Emma








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