Wer kennt nicht das Gefühl seinen Körper mit verschiedenen Persönlichkeiten zu teilen, die nicht unbedingt immer einer Meinung mit einem selbst sein müssen?
Was, wenn es eigene Persönlichkeitsanteile sind, die in Konflikt miteinander liegen, ein normales Lebensgefühl ist, wird für Melanie Stryder zur bitteren Realität: ihr Körper wird von einer sogenannten Seele übernommen, einer außerirdischen Lebensform, die mit ihren Artgenossen unbedarft auf die Erde gekommen ist, um die Erfahrung des Mensch-Sein zu erleben.
Die Seelen übernehmen alle Körper, derer sie habhaft werden können und löschen dabei das Bewusstsein des Vorbesitzers, so das nur noch dessen Erinnerungen ohne denkende Struktur vorhanden sind – zumindest im Normalfall: nicht bei Melanie.
Was im Klappentext als Kampf eines Mädchen um ihren Körper und ihre große Liebe banalisiert wird, wird beim Lesen zu einer komplexen Geschichte darüber, dass alles zwei oder mehrere Seiten hat und oft nur eine winzige Änderung der Sichtweise erforderlich ist, um aus einem Feind einen Freund zu machen. Insofern ist die Geschichte, die nicht aus der Perspektive des „Opfers“ Melanie erzählt wird, wie ich es aufgrund der Buchbeschreibung erwartet hätte, sondern aus der Sicht der Besatzerin Wanderer, ein großes, emotional-berührendes Plädoyer für mehr Verständnis und Toleranz im Umgang miteinander.
Das Buch wirbt darum Persönlichkeiten so anzunehmen, wie sie sind, und setzt sich dabei mit der Frage auseinander, was Menschlichkeit ausmacht. Denn spätestens wenn Wanderer, die vom „armen Opfer“ Melanie gedanklich terrorisiert wird, Mels Liebe zu ihrer Familie und zu Jared übernimmt, und diese auf der Suche nach Zugehörigkeit bei den letzten Widerstandskämpfern aufsucht, fragt man sich, ob es in dem Buch überhaupt Täter und Opfer gibt. Wanderer, die nur durch Zufall in Melanies Körper gelandet ist und diesen nicht aus böser Absicht sondern ihrer Natur gemäß übernommen hat, ist – wie in der Regel alle Seelen – herzensgut, sorgt sich um alles und jeden und will selbst für ihre Feinde nur das Beste. Sie ist der Idealtypus eines guten, altruistischen Menschen, während die Widerstandskämpfer geprägt durch schmerzhafte Erfahrungen den „Parasiten“, der ihnen ins Haus schneit, blindwütig seelisch und körperlich verletzen und teilweise bis zum Ende ein Verhalten zeigen, über das der Leser nur den Kopf schütteln kann. (Wobei die Gewaltdarstellungen allerdings jugendgemäß dargestellt bzw. nur angedeutet werden.)
Dadurch dass die Aktionen der Charaktere jederzeit verständlich herausgearbeitet werden und psychologisch stimmig begründet sind, lässt sich jedoch selbst das Verhalten der Antipathieträger nachvollziehen.
Die Frage, wer mit seinen Handlungen/seiner Sicht der Dinge im Recht ist, wird dadurch zur komplexen Fragestellung, die am Schluss ohne das typisch kitschige „Alles ist für jeden gut“ für den Leser interpretierbar offen bleibt und dennoch einen befriedigenden Abschluss bietet.
Dass die philosophische Ausgangslage „was ist Mensch-sein/menschlich?“ mit einer verzwickten Liebesgeschichte zwischen Melanie/Wanderer und Jared verbunden wird, bedient die Ansprüche der Leserinnen von Bis(s) zum Morgengrauen, die Meyer wohl nicht vertreiben wollte, schadet aber nicht. Das Buch ist trotz einiger „Schmachtstellen“ – und das vielleicht sogar primär – für Leserinnen jenseits des Teenie-Alters interessant. Ob Männer an dem Buch ihre Freude haben, ist fraglich. Die Sicht von Wanderer ist sehr feminin und bietet eher weiblichen Lesern Identifikationsmöglichkeiten. Alles in allem ist Seelen ein sehr gutes, fesselndes Buch. Es ist spannend, witzig und voller Phantasie geschrieben. Und aufgrund des philosophischen Grundthemas ist es auch definitiv mehr als nur eine sehr gut geschriebene Teenie-Schmonzette, für die man es aufgrund der Buchrücken-Beschreibung halten könnte.
Geschrieben von:
Maria Wardenga







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