Die Handlung des Romans “Eureka Street, Belfast” spielt sich, wie bereits der Titel erahnen lässt, im nordirischen Belfast ab. Die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts haben gerade ihre Mitte erreicht und der trügerische Waffenstillstand der IRA steht der krisengeschüttelten Stadt kurz bevor.
Der Katholik Jake und der Protestant Chuckie sind seit Jahren eng befreundet und bilden gemeinsam mit drei anderen Freunden eine Clique von recht erfolglosen Normalos, die zielstrebig auf die 30 zusteuern. Jake wurde vor ein paar Monaten von seiner Freundin Sarah verlassen und befindet sich momentan in einer Phase der inneren Läuterung, was seinem Job als Schuldeneintreiber nicht gerade dienlich ist. Die neu gewonnene moralische Integrität hält Jake allerdings nicht davon ab, mit der Kellnerin Mary anzubandeln, deren Freund als Polizist arbeitet und der nicht gerne teilt, aber wohl umso lieber austeilt. Zum gleichen Zeitpunkt lernt der arbeitslose und ziemlich beleibte Chuckie die hübsche Amerikanerin Max kennen und verliebt sich in sie. Max’ Freundin Aoirghe ist unglücklicherweise eine Hobby-Menschenrechtlerin und als sie von Jakes schmerzhaftem Zusammenstoß mit dem Polizisten erfährt, hetzt sie ihm aufgrund falscher Annahmen sogleich Amnesty International auf den Hals. Chuckie ist derweil auf die glorreiche Idee verfallen, einen Handel mit Riesendildos zu betreiben und dadurch zu Geld zu kommen. Der Clou bei dem Unternehmen ist nämlich, dass die Ware nie beim Kunden ankommt und keiner einen Rückerstattungsscheck einlösen mag, auf dem ein solches Produkt genannt wird. Im Laufe der Zeit fallen Chuckie immer mehr gewinnbringende Projekte ein, so dass er irgendwann völlig den Überblick verliert. Neben diesen und anderen Problemen beschäftigt die Freunde überdies die Frage, was es wohl mit dem mysteriösen Kürzel “NEG” auf sich hat, das seit einiger Zeit als Graffito an den Belfaster Hauswänden prangt.
“Eureka Street, Belfast” ist in jeder Beziehung ein überraschender Roman. Er beschreibt in einem lockeren und teilweise umgangssprachlichen Plauderton das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten im Brennpunkt Belfast und zeigt auf eine sehr unaufdringliche Art, dass die Unterschiede und Probleme zwischen den beiden Konfessionen im Alltag weniger spürbar sind, als die militanten Vertreter der IRA und ihrer Gegenseite immer behaupten. Jake und seine Freunde sind mit den Bombenanschlägen in Belfast aufgewachsen und haben die Nase voll von den ganzen Gewalttätigkeiten, die sie so gewohnt sind, dass sie ein fester Bestandteil ihres Alltags geworden sind. Aber wer möchte sich schon ständig den Kopf darüber zerbrechen, wer da wohl gerade im Auto vor der eigenen Haustür sitzt oder ob es gleich Ärger geben wird, weil abends noch jemand klingelt. Doch auch die schönen Seiten Belfasts kommen zur Sprache. Ich hätte beispielsweise nicht gedacht, dass die Stadt Straßen wie die Poetry Street beherbergt, die sich mit ihren schönen Häusern und Grünanlagen auch in London befinden könnte.
Der irische Autor Robert McLiam Wilson hat mit seinem Buch seiner Heimatstadt Belfast ein würdiges Denkmal setzen wollen, was ihm meiner Meinung nach großartig gelungen ist. Der Roman strotzt nur so von originellem Wortwitz und ungewöhnlichen Formulierungen, kommt aber an einigen Stellen mit einer Ernsthaftigkeit daher, dass ich ein paar Mal richtig schlucken musste. Dadurch ergibt sich eine sehr schöne und faszinierende Mischung aus Tiefgründigkeit und guter Unterhaltung. Wer sich mit dem Nordirland-Konflikt nicht so gut auskennt, sollte vor oder während dem Lesen vielleicht ein paar Hintergrundinformationen einholen, da die Abkürzungen der verschiedenen Organisationen sonst nicht zu verstehen sind und es leider kein Glossar gibt.
Geschrieben von: Emma









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