Paolo Giordano, 1982 geboren und Physiker, schrieb den Roman “Die Einsamkeit der Primzahlen”, Originaltitel “La solitudine dei numeri primi” und erzielte damit gleich zweierlei: er bekam als jüngster Autor bisher überhaupt einen der renommiertesten Literaturpreise Italiens, den “Premio Strega”, und bewies, dass Physiker nicht nur mit der oft trockenen und sachlichen Wissenschaft umgehen können, sondern auch mit der menschlichen Seele und Gefühlen. Die Literaturwelt war erstaunt und begeistert, dass ein noch so junger Mann für Erfahrungen einen schriftstellerischen Ausdruck finden kann, den sonst nur ältere, welterfahrenere Menschen in Worte fassen können.
Für mich ist das Buch allerdings der beste Beweis dafür, dass Feinsinnigkeit und Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich einfach mitzuteilen eben keineswegs zwingend etwas mit dem Lebensalter zu tun haben müssen.
Primzahlen sind in der Welt der Zahlen etwas Besonderes, denn sie haben etwas, was sie von allen anderen unterscheidet: Eine Primzahl ist eine natürliche Zahl mit genau zwei natürlichen Zahlen als Teiler. Sie sind nur durch sich selbst und durch 1 teilbar. Noch spezieller sind sogenannte Primzahlzwillinge, wie z.B. 3 und 5 oder 17 und 19. Dies sind Paare von Primzahlen, die sehr dicht nebeneinander stehen und nur durch eine einzige Zahl getrennt sind.
Mattia und Alice, die Protagonisten von Giordanos Roman, sind im Prinzip solchen Primzahlzwillingen vergleichbar. Beiden gemeinsam sind sehr prägende, traumatische Kindheitserlebnisse, die sie sich zwar gegenseitig erzählen können, deren Konsequenzen sie aber daran hindert, die eigene Verkapselung der Seele und Gefühle wirklich aufzulösen.
Mattia ließ seine geistig behinderte Zwillingsschwester Michela als Kind für kurze Zeit in einem Park zurück, um endlich einmal alleine unter “normalen” Freunden einen Kindergeburtstag zu feiern. Bei seiner Rückkehr war seine Schwester spurlos verschwunden und Mattia wird seither nicht nur von eigenen Schuldgefühlen und dem ewigen stummen Vorwurf der Eltern geplagt, sondern sucht seine Schwester im Grunde sein ganzes weiteres Leben lang.
Alice wurde vom überehrgeizigen Vater, der aus ihr ein sportliches Wunderkind machen wollte, zum verhassten Skifahren angetrieben und erleidet einen Unfall, der bewirkt, dass ihr für’s ganze Leben ein Bein steif bleibt. Sie leidet nicht nur an den Hänseleien der Mitschülerinnen, sondern auch an dem Wunsch, eigentlich zu der mobbenden Zickengruppe dazugehören zu wollen und ist deswegen innerlich zerrissen.
Die beiden lernen sich auf dem Gymnasium kennen, während ihre nicht verarbeiteten Kindheitserlebnisse schon starke Wirkungen zeigen. Alice hat massive Ess-Störungen entwickelt und Mattia verletzt sich immer wieder selbst. Als gemeinsam Einsame bestreiten sie ihr weiteres Leben eher neben- als miteinander: Mattia wird ein brillianter Mathematiker, sein Verstand hat die Herrschaft über seine Gefühle und seine Seele übernommen und grenzt ihn dadurch aber von anderen Menschen ab. Alice wiederum fühlt sich ob ihres Handicaps von ihrer Umwelt ausgegrenzt und ist außerstande, ihren inneren Konflikt und die immer wiederkehrenden heimlichen Vorwürfe an ihren Vater, ihr ein normales Leben verwehrt zu haben, wirklich zu lösen. Bezeichnenderweise wird sie denn auch Fotografin, ein Beruf, der kaum dazu geeignet ist, die tiefen Wunden an ihrer eigenen Seele zu schließen oder zu heilen.
In Gesellschaften, in denen Mädchen immer noch zu einem großen Teil aufgrund von angenehmem Äußeren wahrgenommen und vorbelastet werden und Männern jeden Alters immer noch zum großen Teil die Beschützer-Rolle und die Verantwortung für andere zugeschoben wird, müssen wir uns allmählich fragen, welche Grundsteine (Werte) wir selbst unseren Kindern legen, womit wir sie heillos überfordern und welches Rüstzeug sie von uns bekommen, damit sie die nötige Stärke und genügend Selbstbewusstsein für das Leben entwickeln.
Projizieren wir nur unsere eigenen Wünsche und nicht erfüllte Erwartungen in unsere Kinder—wie es der Vater von Alice tat — oder schieben ihnen die eigene Verantwortung und Enttäuschung zu — wie die Eltern von Mattia es taten, ist ein Scheitern des jungen Menschen doch schon vorprogrammiert. Als Mattias Vater laut den Gedanken in Worte fasste, seine Zwillingsschwester sei eventuell nur deswegen geistig behindert geboren, weil er sie ihm Mutterleib getreten habe, schiebt er Mattia schon als Kleinkind eine seelische Schuld zu, die ein Kind gar nicht tragen kann und auch ganz sicher nicht muss.
Für alle möglichen Berufe benötigen wir Qualifikationen, werden getestet und überprüft. Ob wir bei unseren Kindern aber einen bleibenden seelischen Schaden durch unsensible Erziehung verursachen, der sie sogar unfähig für eine gute Beziehung machen kann, dafür fordert niemand von uns Rechenschaft ein.
Die Literaturwelt wunderte sich, dass ein noch so junger Mann wie Paolo Giordano so eingängig über solche Probleme schreibt und feierte sein Talent. Ich meine, einen Menschen so individuell anzunehmen, wie er ist, seine Stärken zu fördern und die Schwächen liebevoll helfend zu tolerieren, dazu braucht es keine langjährige Erfahrung, sondern offene Augen, ein fühlendes Herz und einen klaren, klugen Kopf.
Paolo Giordano aus Turin hat offensichtlich ein gerüttelt Maß davon und dazu noch die Gabe mitbekommen, meisterhaft zu erzählen.
Iris Hoffmann








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