Das Buch “Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew” kaufte ich mir aufgrund einer Empfehlung des Autors Christoph Marzi in einem Interview. Er war offensichtlich sehr angetan von diesem Roman des recht jungen Schriftstellers Oliver Plaschka und wies in besagtem Interview darauf hin, dass man, wolle man diesen Roman richtig geniessen und sich in ihn vertiefen können, sich besser mal ein paar Tage von allen äußerlich einwirkenden Störungen frei machen solle. Man könne sowieso nicht mehr aufhören zu lesen, bis man es durchgelesen habe.
Nun, ich habe diesen Ratschlag von Christoph Marzi befolgt, dessen eigene wundervolle, unglaublich dicht gepackte Romane ich sehr schätze und, um es gleich vorab zu sagen: Ich habe es keineswegs bereut und einen neuen Lieblingsautor für mich entdeckt.
Aber zunächst kurz zum Inhalt:
Gloria, eine junge, aufstrebende Journalistin aus Washington D.C., ist unterwegs nach Fairwater in Maryland, um an der Beerdigung ihres ehemaligen Freundes Marvin teilzunehmen, bei der allerdings die Leiche fehlt. Denn Marvin wurde für tot erklärt, nachdem er spurlos verschwand. In Fairwater, wo Gloria aufwuchs und wohin sie hoffte, niemals wieder zurückkehren zu müssen, geht allerdings vieles nicht mit rechten Dingen zu. Unerklärliche Morde geschahen und geschehen und in der ganzen Stadt scheint es über Jahre eine ganze Reihe von mysteriösen und unerklärlichen Vorgängen gegeben zu haben, die sich wie eine undurchdringliche Dunstwolke über dieses kleine Venedig Amerikas mit seinen vielen Flüssen und Strömen gelegt hat.
Der einflußreichste Mann in der Stadt, Cosmo van Bergen, fast Alleinherrscher über ein ganzes Netzwerk von Fabriken, die in Fairwater angesiedelt sind und bei denen keiner eigentlich so ganz genau weiß, was sie eigentlich produzieren, wurde ebenfalls unter merkwürdigen Umständen ermordet. Seine Tochter Stella liegt mit Unterbrechungen, in denen sie vom Durchschreiten eines Spiegels fantasiert, jahrelang im Koma.
Fairwater selbst scheint Hippies, UFO-Gläubige und alle möglichen Arten von skurrilen Gestalten geradezu magisch anzuziehen. Glorias Journalisten-Herz ist bei soviel Ungereimtheiten jedenfalls geweckt und sie macht sich mit Hilfe des Taxi-Fahrers Jerry und dessen Vater Solomon, der selbst einmal versuchte, die Geheimnisse von Fairwater zu entschlüsseln, auf, Licht ins Dunkel zu bringen. Bei ihren Recherchen trifft sie auf Männer mit dunklen Regenmänteln - trotz strahlendem Sonnenschein und Hitzewelle - und den Spiegelmacher Bartholomew, der ebenfalls alles andere als ein normaler Zeitgenosse zu sein scheint.
Soweit die Einführung innerhalb der ersten 30-40 Seiten dieses 464 starken Romans, wobei man das “stark” ruhig wörtlich nehmen kann, denn nun beginnt das große Rätsel um Fairwater eigentlich erst richtig und
genau so wie die unterschiedlichen Wasseradern Fairwater durchziehen und umströmen, muß man sich diese Geschichten auch vorstellen.
Wie der Autor Oliver Plaschka die Fairwater-Protagonisten seines Erstlingswerks in einem Interview selbst beschrieb:
“Die Leute führen eine Art Doppelleben. Auf der einen Seite sind es Künstler, Studenten, Bohèmiens, Aussteiger oder Stadtstreicher. Auf der anderen Seite scheinen sie Außerirdische, Weltenreisende, Zauberer oder Wahnsinnige zu sein. Und diese intrigieren gegeneinander und erleben dabei furchteinflößende, aber auch schöne Erfahrungen.”
Das gesamte Buch ist in Kapiteln unterteilt und jedem Kapitel ist quasi zur Einstimmung eine schwarz-weiß Zeichnung vorangestellt, die sehr gut die Atmosphäre wieder gibt und den Leser im gewissen Sinne einstimmt auf das, was ihn erwarten wird.
Auch eine Einordnung in ein Genre fällt bei diesem Buch recht schwer, da es fast alles enthält, was man sich nur vorstellen kann, vom Krimi über Fantasy bis hin zum Horror-Roman.
Kurzum, wer Freude an wirklich genial geschriebenen Geschichten hat, bei denen man ordentlich miträtseln darf, ab und zu mal auch an der Nase herumgeführt wird, sich wieder neu orientieren muß und nichts dagegen hat, von einem Roman sehr gefesselt zu sein, für den ist “Fairwater” genau das richtige Lesevergnügen.
Die Charaktere der Protagonisten sind genauso vielschichtig wie die Geschichte selbst und “Fairwater” für mich eindeutig einer der besten Romane, die ich je gelesen habe.
Meine Hochachtung.
Iris Hoffmann








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