
Als Jo am Neujahrsmorgen einen erschöpften, unterkühlten Kolkraben im Garten findet, der keinerlei Gegenwehr oder Anzeichen von Flucht zeigt, als er ihn zu seinem Großvater Johannes bringt, ist die Mutter des Jungen nicht gerade begeistert. Wie viele Mütter hält sie zunächst die Bemühungen des Jungen und ihres Schwiegervaters um das Tier für ein Strohfeuer und vermutet, dass die Verantwortung für den Vogel irgendwann an ihr hängenbleiben könnte.
Aber da unterschätzt sie das Engagement beider gewaltig. Der Großvater sieht eine sehr gute Gelegenheit, dem Enkel einen vernünftigen, respektvollen Umgang mit der Natur beizubringen und bringt ihm sanft und sensibel alles bei, was er selber weiß und gelernt hat. Zusammen bringen sie den seit langem unbenutzten Hühnerauslauf für den Raben Ar wieder auf Vordermann und richten diesen für den Raben möglichst artgerecht ein. Jo lernt vom Großvater, dass Tiere in Freiheit fast ausschließlich mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt sind und in Gefangenschaft oft regelrecht an Langeweile eingehen, da ihnen diese Herausforderung dort fehlt.
Dementsprechend geben sie Ar vermoderte Baumstammstücke, aus denen er Würmer und Insekten herauspfriemeln kann oder sie verstecken absichtlich das vielseitig zusammengestellte Futter, geben ihm damit Beschäftigung und Spiel. Der Großvater tut für sich selbst ein Weiteres, indem er sich einen Computer anschafft und all seine Beobachtungen über den Raben aufschreibt und mit Fotos versieht. Jo gibt er zusätzlich noch alles zu lesen, was mit Raben zusammenhängt, seien es Legenden, Geschichten oder Gedichte. Er selbst erzählt Jo auch, dass Menschen zu allen Zeiten den schwarzen und überaus intelligenten Vögeln vielfach mit Aberglaube begegneten, aber auch mit Respekt und Ehrfurcht.
Ganz allmählich und auf sehr sensible Art und Weise vom Großvater einfühlsam und unaufdringlich angeleitet, entwickelt Jo durch den Umgang mit Ar und seine Verantwortung für ihn mehr Selbstvertrauen und Selbstständigkeit, die ihm zugute kommt, als seine Freunde und er in der Schule von neidischen, eifersüchtigen und mißgünstigen Mitschülern erpresst werden. Und als der Opa verunglückt und ins Krankenhaus muß, entwickelt Jo seine ganz eigene Charakterstärke.
Kurzum: es muß nicht immer ein sehr seitenstarkes Buch sein, das uns Leser anrührt und zum Nachdenken bringt.
Iris Hoffmann







Kommentar schreiben