Christoph Marzi hat wieder einmal eine Trilogie geschrieben, die ihresgleichen sucht und von der nun schon der zweite Band “Lyra” erschienen ist. Eine tolle Idee meisterhaft umgesetzt, wie man es von diesem deutschen Schriftsteller mittlerweile schon wirklich erwartet. Aber zunächst zum ersten Teil der spannenden und mitreißenden Trilogie: “Fabula”
Worum geht es?
Colin und sein Bruder Danny Darcy wuchsen in Ravenscraig, einer Burg im schottischen Galloway auf. Nun, ca. 30 Jahre später, hat Colin eine steile Karriere in London als Wirtschaftswissenschaftler und Dozent an der London Business School absolviert, sein Bruder Danny lebt als Musiker in den USA. Und dann kommt der Tag, der alles auf den Kopf stellt: in London tauchen plötzlich exotische Vögel auf, Colins Freundin verläßt ihn, sein bester Freund und Arbeitskollege stirbt bei einem mysteriösem Unfall und die Haushälterin von Ravenscraig teilt Colin telefonisch mit, dass sowohl Helen, Colins Mutter, als auch Danny, der sich merkwürdigerweise in Schottland bei ihr aufhielt, spurlos verschwunden sind.
Ziemlich widerwillig fährt Colin nach Schottland, um Nachforschungen über den Verbleib seiner Familienangehörigen anzustellen. Seinen Widerwillen kann man durchaus verstehen, denn Helen Darcy hat eine außergewöhnliche magische Begabung, mit der sie früher ihre Kinder zunächst erfreute, im Laufe der Zeit aber zur Strafe bei Ungehorsam so in Angst und Schrecken versetzte, dass sie so bald wie möglich weit weg von ihr zogen: die Geschichten, die ihnen ihre dominante Mutter erzählte, wurden nämlich wahr und ihre Söhne fanden sich oft genug in horrorähnlichen Szenarien wieder. Zum eigenen Schutz flohen die Jungs als Kinder und Jugendliche vor dieser bösen Realität in eine eigene Fantasiewelt, in der sie als Western-Helden gefeiert wurden, bis sie endlich als Erwachsene das Elternhaus räumlich weit hinter sich ließen…und hofften, damit dem Spuk für immer entflohen zu sein. Durch das plötzliche Verschwinden seiner Mutter und seines Bruders befürchtet Colin nun, der Albtraum begänne erneut.
Zurück in Schottland trifft Colin aber auch auf unverhofft Liviana Lassandri, die Tochter eines Bestattungsunternehmers, seine große Liebe von damals, wieder und gemeinsam mit dieser sympathischen, patenten jungen Frau versucht er auf eigene Faust dem Geheimnis des Verschwindens des Rests der Familie auf den Grund zu gehen. Colin muß sich wohl oder übel seiner Vergangenheit stellen und der bitteren Wahrheit, dass sich seine Mutter nicht, wie von den Brüdern erhofft, aus ihrem Leben heraus hält, sondern weiterhin versucht, auf ihre Kinder Einfluß zu nehmen.
Trotz eines recht gesellschaftskritisch anmutenden ernsten Inhalts schafft es Christoph Marzi einen phantastischen, ideenreichen, ja manchmal märchenhaft wirkenden Roman zu erschaffen, der den mitfiebernden Leser nicht eher ruhen läßt, bis man ihn durchgelesen hat.
Wunderbarer Geschichtenerzähler. Sehr zu empfehlen.
Iris Hoffmann








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