Da Frauenromane derzeit Hochkonjunktur haben, möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch hiermit eine Neuerscheinung aus dem südamerikanischen Raum vorzustellen.
Der Roman beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts und umspannt das Leben von drei Frauengenerationen einer uruguayischen Familie. Pajarita, die Großmutter, wächst ungebildet und tief in den magischen Ritualen der ländlichen Bevölkerung verwurzelt in Tacuarembó auf. Sie heiratet einen Italiener und zieht mit ihm nach Montevideo, wo die beiden eine Familie gründen. Ihre einzige Tochter Eva, die schriftstellerische Ambitionen hat, verspürt bald den Wunsch, den engen Grenzen ihrer Umgebung zu entfliehen und geht daraufhin nach Argentinien. Jahre später kehrt Eva, die inzwischen selber Mutter ist, nach Uruguay zurück. Ihre jüngste Tochter, Salomé, wird im Teenageralter von den kommunistischen Strömungen im Land beeinflusst und schließt sich einer militanten Untergrundbewegung an. Eine Entscheidung, die Salomés ganzes restliches Leben bestimmen wird…
Carolina de Robertis entstammt selber einer uruguayischen Familie, wuchs aber in der Schweiz, England und in Kalifornien auf, wo sie heute noch lebt. Wohl aufgrund ihrer Wurzeln hat sie ihren Roman nach typisch südamerikanischer Manier geschrieben. Ihr Stil ist ausschweifend, berührend und quillt über vor sinnlichen und ungewöhnlich schönen Bildern. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die in chronologischer Abfolge den Lebensweg von jeweils einer der drei weiblichen Hauptfiguren beschreiben. Der letzte Teil, in dem es um Salomé geht, ist am emotionalsten geraten und ich fühlte mich hier der Geschichte stärker verbunden als zuvor. Die beiden ersten Drittel kranken leider an einer etwas distanzierten Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren und dem Stoff an sich. Manche Ereignisse werden nicht konsequent genug weiterverfolgt und es mangelt der Handlung zeitweise an Logik. Das Ende des Romans ist gleichzeitig der Höhepunkt und entschädigt mit seiner hochemotionalen, packenden und bewegenden Darstellung letztlich für alle kleinen Schönheitsfehler.
Mal davon abgesehen behandelt der Debütroman von Carolina de Robertis eine äußerst interessante Zeit, in der ein wichtiger politischer Umbruch in Uruguay stattfand und sich die Bevölkerung von der bisherigen Regierung abwandte. Eine große Rolle spielte dabei die vorausgehende gesellschaftspolitische Entwicklung in Kuba unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara. Zwar erwecken die entsprechenden Passagen den Eindruck, es würde sich bei “Die unsichtbaren Stimmen” um ein schwer zu lesendes Buch handeln, doch in dieser Hinsicht kann ich Entwarnung geben. Der Roman gehört eher zur leichten Unterhaltung und will emotional und weniger rational berühren. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist in erster Linie das oft harte Leben von Pajarita, Eva und Salomé und der Umgang der drei Frauen mit sich und ihren Problemen, die meist durch die Männer in ihrer Umgebung ausgelöst werden. Die Hauptfrage lautet demnach: Was ist man als Frau bereit zu tun, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Wer es wissen möchte, kann es in diesem Buch erfahren.
Solltet ihr also gerade auf der Suche nach einer stimmungsvollen Sommerlektüre sein, dann ist dieser Roman mit seiner gelungenen Verbindung von starken Frauen und großen Gefühlen vor einer exotischen Kulisse die ideale Wahl!
Geschrieben von:
Emma








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