
Gleich zu Beginn ein Hinweis:
Dieses wirklich sehr gut gelungene Buch von dem Autor und Illustrator Brom möchte der Autor laut Nachbemerkung im Roman als Lobgesang auf die nicht entschärfte, nicht bereinigte, nicht süßlich geschönte Disney-Version des Romans “Peter Pan” von James Barrie verstanden wissen und auch nicht als einfache Nacherzählung desselben. Laut eigener Aussage fand er weite Teile der Urfassung von “Peter Pan” doch recht verstörend, aber faszinierend.
Nachdem ich weder die Urfassung noch die zuckrige Version von “Peter Pan” kenne, ging ich also an “Der Kinderdieb” vorurteilsfrei heran und möchte nach dem Lesen des Buches darauf hinweisen, dass es doch ziemlich brutale und schonungslos harte Szenen enthält, die nichts für zartbesaitete Gemüter wären.
Ich bin zwar der Meinung, dass man eine Vergewaltigung, Gewalt gegenüber Kindern oder das Abschlachten von Menschen in Kriegen/Kämpfen nicht verharmlosen sollte, aber manches fand ich doch recht grenzwertig und es hätte der Aussage des Romans keinen Abbruch getan, wenn man weniger drastisch und provozierend geschrieben hätte.
Altersempfehlung meinerseits daher: mindestens 16 Jahre und selbst ab da braucht es schon einen gefestigten Charakter und auch Erfahrung, um ein paar Stellen im Roman richtig einsortieren zu können.
Zum Nachdenken anzuregen ist sicherlich wichtig und das gelingt dem Autor auch, außerdem ist “Der Kinderdieb” ein wirklich atmosphärisch äußerst dicht und spannend geschriebener Roman, umso mehr möchte man dem Autor allerdings dringend raten, die nächsten Romane besser nicht ganz so heftig ausfallen zu lassen. Weniger ist eben doch manchmal mehr.
Zum Inhalt:
Peter, ein Kind, das väterlicherseits von den Elfen abstammt, wird als Baby von seiner abergläubischen Familie im Wald ausgesetzt und dem Tod preisgegeben. Goll, ebenfalls ein Außenseiter nimmt ihn eine zeitlang bei sich auf und lehrt ihn, sich in der Wildnis zu behaupten. Dass es heißt: fressen oder gefressen werden, wird für Peter auf die brutalste Art und Weise selbstverständlich, denn, als er sich unvoreingenommen in einem nahegelegenen Dorf gleichaltrige Spielkameraden sucht, jagen ihn die Dörfler wiederum unbarmherzig weg und bringen Goll grausam um, sobald sie auf dessen Versteck treffen.
Kurz darauf wird der von den Menschen schwer enttäuschte Peter per Steinkreis-Transmitter nach Avalon entführt, um der dort lebenden Moorhexe Ginny und ihrer Brut als gefundenes Fressen zu dienen. Allerdings kann er sich befreien, indem er Ginny ein brennendes Holzscheit ins Auge stößt. Klar, dass man sich so auch keine wirklichen Freunde für’s Leben macht.
Bei der weiteren Erforschung des sagenhaften Landes Avalon lernt Peter aber auch die Dame von Avalon kennen, die es mit ihren Nebeln vor Eindringlingen schützt. Besser gesagt: schützen sollte! Denn Avalon, das alte verzauberte, mysthische Avalon, Land der ewigen Jugend, Fülle und Freude ist schon lange bedroht und einzigartiger Zauber bedroht. Von - grob gesagt - den Erwachsenen mit ihrer Machtgier, die sich auf materielle, geistige und seelische Dinge ausgebreitet hat und durch die Religionskriege und damit verbundenen Übergriffe nun bis nach Avalon ausgebreitet hat.
Auch Ulfger, der Sohn und Erbe des Gehörnten, sieht in Peter nichts anderes als einen Konkurrenten um die Macht in Avalon und ist für die wahre Bedrohung für dieses Paradies völlig blind.
Daher faßt Peter den Entschluß, Kinder aus der Menschenwelt nach Avalon zu bringen, um sich so ein Kinderheer zu schaffen, mit dessen Hilfe er sein geliebtes Avalon vor dem Untergang retten möchte. Er sucht sich dafür Kinder, die in unserer Welt kaum jemand wirklich vermissen würde, weil sie auch hier kurz vor dem Abgrund stehen, schwer seelisch oder körperlich mißhandelt wurden und/oder keine Zukunft mehr zu erwarten haben.
Und da Peter diese Kinder eben nicht gänzlich uneigennützig aus unserer Welt nach Avalon bringt, damit sie dort ungefährdet leben können, sondern sie ihm helfen sollen, seine Feinde zu vertreiben, stellt sich dem Leser die Frage, wieviel Gewalt man einsetzen darf, um etwas besonders Wertvolles - und dann auch noch wirksam - zu schützen.
Fazit: mit den schon erwähnten Einschränkungen in bezug auf die (wohl zeitgemäße?), wie ich finde übertrieben geschilderte Brutalität, ein sehr dicht geschriebener Roman über das Phänomen Avalon, Phantasia, Paradies etc., was zum Nachdenken und Überdenken anregt und ein Spitzen-Titel werden könnte.
Allerdings hat mir die Ausarbeitung des Menschenkindes Nick am besten gefallen, der noch reinen Herzens ist, wohingegen ich die Figur des Peter schon gekippt, verschlagen werdend empfunden habe.
Lesenswert!
Iris Hoffmann







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