Annette Pehnts Roman „Haus der Schildkröten” handelt von unbequemen Themen, mit denen wir uns ungern beschäftigen: mit dem Älterwerden, mit Krankheit, mit dem Tod, mit der Einsamkeit.
Die Geschichte ist im Präsens geschrieben, was dem Leser eine zusätzliche Nähe zu den Schilderungen verleiht. Man fühlt sich als Leser sehr dicht am Geschehen, manchmal unangenehm dicht und muss sich mit dem Geschehen auseinandersetzen, ob man will oder nicht. Aber der Roman ist es allemal wert, sich damit zu beschäftigen, denn für jeden von uns wird die Zeit kommen, wo es uns ähnlich gehen wird wie einem der Protagonisten, auf irgendeine Weise.
Kurz zum Inhalt:
Ernst und Regina besuchen jeden Dienstag ihre Eltern im Altenheim „Haus Ulmen”. Ernst besucht seinen Vater, der Professor ist, wohl schon immer ein recht zerstreuter, eigenbrötlerischer Kauz war und offensichtlich seit dem Tode seiner Frau an fortschreitender Altersdemenz leidet. Regina wiederum besucht ihre Mutter, genannt Frau von Kanter, die seit einem Schlaganfall fast völlig unbeweglich, artikulierungsunfähig in jeder Hinsicht und auf den Rollstuhl angewiesen ist.
Ernst und Regina sind mittleren Alters. Er ist noch nicht allzu lang geschieden und hat mit seiner Frau eine Besuchsregelung in Bezug auf ihre gemeinsame Tochter Lili getroffen. Regina ist ledig und das, was man ein spätes Mädchen nennt. Sie hatte zwar ab und zu kurze Affären, aber keine Beziehung auf Dauer.
Beide leiden zunehmend unter der Tatsache, dass das jeweilige Elternteil von den Besuchen und Mitbringseln scheinbar nichts mitbekommt und auch an sämtlichen Aktivitäten im Heim weder teilnimmt noch Interesse zeigt. Sie scheinen in ihrer eigenen eingekapselten Welt zu leben, ja, eher zu existieren, dahin zu vegetieren.
Doch die Autorin läßt uns Leser nicht nur an den Gedanken der Besuchten teilhaben, sondern gibt uns auch – oft verstörende – Einblicke in das Ambiente, in dem der Professor und Frau von Kanter ihr Leben fristen müssen, beschreibt die schockierte und recht grausame Reaktion der Pflegerin Gabriele, als sich eine Liebesbeziehung zwischen zwei anderen Heimbewohnern anbahnt, lässt uns den verständnisvollen und engagierten Pfleger Maik kennenlernen, der mit jedem der Alten besser zurechtkommt als mit Menschen aus seiner eigenen Generation, lässt uns auf ganz eigene Weise die kurze Rebellion, die Flucht aus dem belasteten Alltag von Ernst und Regina auf die Malediven miterleben, wo sie doch ihren Alltag in sich tragen und natürlich wieder davon eingeholt werden.
Eine Gruppe der Heimbewohner bezeichnet die Autorin kurzerhand mit die „Immergleichen“, die „Heimleitung“ bekommt von ihr außer einem Stirnrunzeln oder gefärbten Augenbrauen ebenfalls kein persönlicheres Gesicht…und das alles macht Sinn.
Ja, die Autorin tut noch viel mehr: sie pflückt uns Leser auf gerade mal 183 Seiten auseinander, hält uns, die wir ja Teil der Gesellschaft sind, die sich am liebsten nicht mit unbequemen Wahrheiten auseinandersetzt, den Spiegel vor, schockiert uns mit unseren eigenen Vorurteilen und setzt uns doch zum guten Schluss wieder sanft und behutsam zusammen und hinterlässt uns mit der Hoffnung, dass doch die menschlichen Inseln im großen Meer sich öfter berühren, als wir manchmal befürchten.
Ich gebe ehrlich zu, dass mich das Buch sehr berührt und beeindruckt hat und ich sogar wirklich auch zusammenzuckte, als Ernst in einem nachvollziehbaren Wutausbruch seinen Vater anschreit mit den Worten: „Du bist nicht mehr wiederzuerkennen…ich kann nicht mehr mit dir reden. Du bist Gemüse.“ Und erleichtert war, als der Professor daraufhin seinen Sohn plötzlich wach und belustigt anschaute.
Ein Buch, was nicht leicht zu verdauen ist, aber gerade deswegen ungewöhnlich empfehlenswert ist, finde ich.
Iris Hoffmann








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